Eine Radtour durch Europa!

Im Mai und Juni 2017 habe ich mit der Verwirklichung eines Traumprojektes sehr gute Erfahrungen gemacht: Meine Radtour von Wolfsburg nach Genf und was es im Nachhinein für mich bewirkt hat.  Ich wollte eine ganz besondere Radreise unternehmen.

Zwei Dinge wollte ich für mich in Erfahrung bringen:
1. Kann ich trotz Parkinson noch grofle Träume erfüllen?
2. Wie wirkt sich wochenlange intensive und anstrengenede Bewegung auf meine Parkinson-Symptome aus?

Der erste Punkt war auch als Botschaft an andere von Parkinson Betroffene gedacht: mit einer positiven Einstellung: „Ich freue mich über das, was noch geht – ich hadere nicht dauernd mit dem, was nicht mehr geht“, kann man durchaus etwas unternehmen. Ich möchte vorweg betonen: meine Botschaft ist exemplarisch gemeint. Ich bin ein passionierter, relativ gut trainierter Radfahrer. Andere Menschen haben andere Neigungen, mit denen sie ein Projekt planen und durchführen können. Damit andere Menschen meine Erlebnisse verfolgen können, hatte ich einen Blog eingerichtet: axelkuba.wordpress.com .

Am 22. Mai startete ich von meinem zuhause in Wolfsburg-Detmerode.

Ich wollte durch schöne Landschaften radeln und mich dabei maximal fordern. Also wählte ich keine vorwiegende Flussreise, sondern über das hessische Vogelsberggebiet, am Neckar bis Stuttgart und über die schwäbische Alb zur Rheinquelle am Oberalppass und weiter über den Furkapass und das Rhonetal am Genfer See entlang nach Genf. Wichtig war mir – im Unterschied zur Herangehensweise als junger, gesunder Mensch – sehr gut auf meine Körpersignale zu achten und im Ernstfall immer alternative Lösungen zu kennen.

So empfand ich schon hinter Göttingen den ersten steileren Anstieg ¸ber Dransfeld ins Wesertal als richtigen Berg. Durch Hessen ließ sich das Ganze steigern. Manchmal habe ich geflucht, wenn es bei schwülwarmem Wetter wie in einer Achterbahn steil auf und ab ging. Aber sowohl die Schönheit der Landschaft und einiger mittelalterlicher Ortskerne als auch die Freude „jawohl, ich schaffe das“ machten vieles wieder gut.
Ich war froh, die Route so gewählt zu haben: das Auf und Ab der heimischen Mittelgebirge als Trainingslager für das Hochgebirge. Ich konnte täglich etwa 80 bis 100 km mit Gepäck radeln. Zwischendurch taten mir die Ruhetage gut, um mich körperlich etwas ausruhen zu können und damit sich die vielen Eindrücke im Kopf setzen können. So konnte ich mit vollem Gepäck den Oberalppass bezwingen. Beim Furkapass wurde mir klar, dass das nicht so einfach ginge. Ich konnte den größten Teil meiner Packtaschen per Bahn zur naderen Seite des Passes transportieren lassen und konnte so mit Tagesgepäck auch über den Furkapass radeln.

Beim Überfahren der Pässe habe ich gut darauf geachtet, dass ich mich auch im Grenzfall noch sicher fühle, also das Rad noch gut führen kann (nicht auf der Strafle hin und her schlenkern) und auch nicht so etwas wie Schwindelgefühl aufkommen konnte. Also fuhr ich immer ein Stück – zählte die Kehren oder stoppte, wenn ich nicht mehr ruhig und tief ausatmen konnte – machte ein eine kurze Pause, atmete 3 bis 5 mal tief und lang aus. Das genügte, Atmung und Puls wieder zu beruhigen. Ich fühlte mich stark und war stolz, wenn ich oben ankam und dann die rasante Abfahrt genießen konnte.  In den 5 Wochen, in dene ich unterwegs war, hatte ich nie das Gefühl: das schaffe ich nicht.

Außerdem fühlte ich mich auch nie einsam.

Und das hatte mehrere gute Gründe: Erstens weil meine Frau mich bestärkt hat, meinen Traum zu erfüllen und mir das Gefühl gab, du schaffst das.“ Ich bin überzeugt, das ist eine ganz wichtige Basis, nicht mit schlechtem Gewissen und möglicherweise durch die Reise verursachte Beziehungsprobleme reisen zu können“. Darüberhinaus haben mich viele Menschen unterwegs liebevoll empfangen oder virtuell begleitet:

„Ich konnte in Göttingen und in Filderstadt bei Stuttgart erholsam bei Familienmitgliedern auftanken – in Frankfurt wurde ich von Stephanie und Thomas Heinze von der Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung sehr herzlich empfangen und verwöhnt, darüber hinaus sorgte die Hilde-Ulrichs- Stiftung für einen hohen Bekanntheitsgrad meiner Radreise: sie erschien plötzlich als eine Möglichkeit nicht-medikamentöser Therapie – Susanne Wagner und andere Mitglieder von PaJuBS begleiteten mich täglich und schickten mir aufmunternde Kommentare - Freunde und ehemalige Kollegen waren mir immer „auf den Fersen“.

Das war für mich eine völlig neue Erfahrung. Gefühlt fuhr ich ja nur Rad, das mache ich ohnehin regelmäßig. Das mich das noch bekannt macht und andere Menschen so viel Anteil daran nehmen war anfangs befremdlich, aber dann mehr und mehr eine Motivation, es zu schaffen und gleichzeitig offen und ehrlich zu berichten. Es war zwar manchmal anstrengend, nach einem langen Fahrradtag noch für den Blog zu schreiben, aber ich war es auch meinen treuen Begleitern schuldig. Es war schon fast wie eine Fangemeinschaft…

Was hat es mir im Nachhinein gebracht?

1. Eine große Freude und Stolz, es geschafft zu haben. Ich bin mir sicher, das war nicht mein letztes Radreiseprojekt. Nächstes Jahr wieder mit meinem Radelpartner Holger, der mich 2015 kurze Zeit nach meiner Diagnose mitnahm, mit dem Fahrrad vom Starnberger See nach Wolfsburg zu fahren. Das war damals der positive mentale Wendepunkt.

2. Ich bin die ganze Zeit mit meinen Parkinson-Medikamenten gut ausgekommen. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass ich im Februar 2017 im Fachkrankenhaus für Bewegungsstörungen und Parkinson in Beelitz hervorragend professionell betreut wurde, sowohl was die medikamentöse Einstellung als auch das nicht-medikamentöse therapieren betrifft. Das war eine weitere wichtige Voraussetzung, das Projekt in diesem Umfang angehen zu können. Nach Besitz fühlte ich mich körperlich und mental super fit. Ich hatte – und habe noch – sogar das Gefühl, es geht mir nach der Radreise besser als vorher. Erstaunlich war auch, dass ich mich zuhause angekommen überhaupt nicht ausgelaugt fühlte. Fazit: mein Begleiter Parkinson ist „ganz klein mit Hut“ geworden.

3. Ich fühle mich sehr gut trainiert und möchte gern diesen Level halten. Ich kann es kaum glauben, ich kann mit dem Rad Geschwindigkeiten fahren wie eine ganze Zeit vor der Diagnose.

Mein Fazit:

– es kann bei Parkinson nicht zuviel an Bewegung geben, wenn die Intensität noch passt.
– eine professionelle Einstellung in einer guten Fachklinik ist auf jeden Fall ratsam in Ergänzung zum niedergelassenen Neurologen vor Ort, der mich erstens seltener sieht und zweitens ein neurologischer Allrounder ist, während mich in der Klinik Parkinson-Spezialisten betreuen.

Bilder meiner Radtour:

2017-11-08T12:59:43+00:00